Dalian kommt nach Deutschland — Ölpest in China erreicht die hiesigen Nachrichten

Im Schatten der Ölkatatstophe im Golf von Mexiko geschah nur wenige Wochen nach der Explosion auf der Deepwater Horizon ein weiteres, nicht minder folgenschweres Unglück auf der anderen Seite des Globus:

Über einen Monat Funkstille über die Ölkatastrophe in China

Am 16. Juli 2010 erschütterte eine schwere Explosion die chinesische Industrie- und Hafenstadt Dalian, bei der eine Hauptförderpipeline zerrissen wurde. Laut unterschiedlichen Medienberichten, die von den offiziellen chinesischen Stellen bis zur Washington Post reichen, kamen bei dem Unglück zwischen acht und elf Arbeiter ums Leben.

Die Vertreter der chinesischen Betreibergesellschaft verhängten in Zusammenarbeit mit der örtlichen Verwaltung eine Nachrichtensperre und –kontrolle nach bewährtem Muster: So wurde ähnlich wie bei der Golfkatastrophe eine Greenwashing-Kampagne ins Leben gerufen, bei der beschönigendes Filmmaterial mit deutlich frisierten Zahlen kombiniert wurden.

Unverantwortliche Kommunikation à la BP

Nicht nur die Zahl der Toten und Verletzten wurde all zu zögerlich und lediglich schrittweise veröffentlicht. Auch der Umfang der Ölkatastrophe wurde lange Zeit heruntergespielt: So waren angeblich „nur“ 1500 Tonnen des giftigen Rohöls ins Meer ausgelaufen.

Nur wenige Tage später bereits berichteten die offiziellen Stellen in den nationalen Medien, der entstandene Ölteppich wäre weitestgehend beseitigt worden.

Den Fischern und Bewohnern der Umgebung wurde unterdessen erzählt, der Verzehr der Fische aus dem nahe gelegenen Meer wäre ungefährlich: Diese schwämmen schließlich unter der Ölschicht. Nur Muscheln wären angeblich ungenießbar – diese sind für ihre Filteraktivität des Wassers bekannt.

Die Zahlen und Berichte machten die Umweltorganisation Greenpeace so stutzig, dass sie einen eigenen Experten nach China schickte, der die Ölkatastrophe einschätzen sollte.

Ölpest China – Vierzigfach höhere Menge als offiziell zugegeben

Rick Steiner fand nicht nur heraus, dass es sich um mindestens 60.000 Tonnen Öl handelte, die ungehindert in die Bucht bei Dalian ausgelaufen waren. Wie kürzlich bekannt wurde, ist das Ausmaß mittlerweile noch größer geworden, denn seit etwa einem Monat bekommt die Betreibergesellschaft die lecken Leitungen nicht vollständig geschlossen – auch hier eine deutliche Parallele zum Krisenmanagement der BP.

Die Bevölkerung um die Unglücksstelle wurde schnell als Hilfstrupp eingebunden: Mit bloßen Händen verteilen die Menschen die ölauflösenden Chemikalien, stehen hüfthoch im ölverschmutzten Brackwasser der Bucht und versuchen, die giftige Schlacke mit Hilfe von Strohballen aufzusaugen und so die Katastrophe buchstäblich eigenhändig zu beseitigen.

„Deepwater Cover-Up“

Dabei musste die chinesische Ölkatastrophe in den Medien hierzulande der reißerischen BP-Story weichen – was den chinesischen Behörden natürlich doppelt zupass kam: Denn einerseits konnte man hämisch zuschauen, wie der einst mächtige anglo-amerikanische Ölgigant medial im eigenen Sumpf unterging, andererseits war die Ablenkung natürlich perfekt. Dass die notwendigen Sofortmaßnahmen nicht von höchster Stelle im umfassenden Maße eingeleitet wurden, wird die Langzeitschäden für die Umwelt und die Menschen in der Umgebung um ein Vielfaches höher ausfallen lassen.

Im Westen nichts Neues – wie schaut’s im Osten aus?

Nun dringen die ersten Nachrichten auch in den deutschen Blätterwald vor – und die Katastrophe ist auch schon medial perfekt vorbereitet: Kaum, dass das Bohrloch im Golf von Mexiko verschlossen war, kam im rechten Moment die Story von Dalian daher. Es ist schon bizarr, wie schnell aus einer Tragödie eine Story wird – und wie lange sie unbeachtet bleibt, solange das Titel-Thema sicher ist.

Das wirft unwillkürlich die Frage auf, welche Skandale und Umweltverbrechen aller Couleur bislang ebenfalls von Journalisten unrecherchiert unter den Tisch fielen und täglich fallen. Andererseits muss man sich natürlich auch fragen, wie viele schwere Verseuchungen von hochoffiziellen Stellen rund um den Globus so derart demokratisch auf die Bevölkerung verteilt wurden – schließlich bekommt bei den richtig fiesen großen Katastrophen von Tschernobyl über Bhopal bis Dalian jeder etwas ab.

Beachten Sie dazu abschließend dieses kleine Filmexperiment des Japaners Hashimoto:
Die Geschichte der Atombombe und der historische Verlauf der Zündungen von 1945 bis 1998

Quellen:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,712218,00.html

http://www.oelkatastrophe.net/category/nachrichten/

http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/07/22/AR2010072203393.html

http://www.bbc.co.uk/news/world-asia-pacific-10708375

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