Panikmache oder berechtigte Kritik: Wirtschaftsverbände gegen die Energiewende

Unter den Wirtschaftsverbänden wird aktuell heftig gegen die Energiewende gepoltert. So kritisiert der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) die drohende Abschaltung einer Vielzahl an konventionellen Anlagen aufgrund des Preisdrucks an den Großhandelsplätzen. „Jede zweite geplante Anlage steht auf der Kippe“, warnt BDEW-Hauptgeschäftsführerin Hildegard Müller.

Ungewohnt alarmierende Worte des sonst eigentlich recht zurückhaltenden BDEW. Auch der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) schlägt Alarm. „Die Energiewende ist mit der Annahme gestartet, dass die Energiekosten hierzulande beherrschbar bleiben und international in vergleichbarem Maße ansteigen. Beides hat sich nicht bewahrheitet.“, meint beispielsweise VIK-Chefin Barbara Minderjahn in harschen Worten. Doch was ist dran an den Kritiken? Machen die Verbände vielleicht etwas zu viel Wind?

Preisdruck für konventionelle Kraftwerke ein Problem

Es stimmt, wenn die Verbände behaupten dass viele konventionelle Kraftwerke vom Netz gehen sollen. Versorger wie RWE, EON oder Vattenfall planen die völlige Umstrukturierung ihrer Unternehmen, was zwangsläufig auch dazu führt, dass die unrentablen konventionellen Anlagen nach und nach vom Netz genommen werden. Doch steht Deutschland dadurch wirklich vor einem Versorgungsengpass?

Vorerst wohl eher nicht, denn immerhin wird aktuell regelmäßig ein Stromüberschuss produziert, der sogar zu sehr dürftigen Konditionen ins Ausland exportiert werden muss, um die Netze stabil zu halten. Berechnungen der Deutschen Bank zufolge, muss Deutschland bereits im Jahr 2025 rund 1,8 Terrawattstunden an Stromüberschüssen speichern können. Bis 2040 sollen es sogar 20 Terrawattstunden sein.

Zunehmende Fluktuation gefährdet Versorgungssicherheit?

Nun könnte man argumentieren, dass ein Stromüberschuss kein Garant für Versorgungssicherheit ist, da Wind- und Solarenergie saisonal abhängige Leistungsspitzen haben. Auch das ist richtig, dennoch wird bereits am Aufbau sogenannter Kapazitätsmärkte gearbeitet in denen konventionelle Back-Ups für die Abfederung der Fluktuationen sorgen sollen.

Daneben soll ein flächendeckendes Netz den Strom gleichmäßig über die Bundesrepublik verteilen und Speicher sorgen für das Feintuning, wenn es immer noch Lücken geben sollte. Im Worst Case kann Deutschland auch Strom aus dem Ausland importieren um die Versorgung zu sichern. Die Verbände kritisieren allerdings auch die Kosten der Energiewende, etwa durch Subventionierung der erneuerbaren Energieträger, dem Netzausbau oder der Schaffung der Kapazitätsreserve.

Und hier liegt die Krux. Die Bundesregierung scheint sich in Sachen Energiewende verkalkuliert zu haben, was man am steigenden Verbraucherstrompreis beobachten kann. Während der Börsenstrompreis sinkt und viele konventionelle Kraftwerke dadurch rote Zahlen schreiben, führen diverse Umlagen, Gebühren und Entgelte dazu, dass der Stromverbraucher immer tiefer in die Tasche greifen muss.

Man zahlt für neue Leistungen

Und ja, die Kosten sind zu hoch. Dahingehend hat VIK-Geschäftsführerin Minderjahn Recht. Doch eine Transformation des Energiesystems ist teuer und letztlich bezahlt man über den Strompreis nicht einfach nur das Endprodukt Strom sondern auch Versorgungssicherheit und vor allem saubere und nachhaltige Energie. Die Verbände befürchten, dass Deutschlands Wirtschaft unter den steigenden Energiekosten leiden könnte.

Insbesondere mittelständische Produktionsbetriebe könnten ihre internationale Konkurrenzfähigkeit verlieren. Die Sorge ist berechtigt, immerhin hat Deutschland den zweithöchsten Strompreis unter vergleichbaren Industriestaaten. Nur in Italien zahlt man noch mehr. Sicherlich ist es nur konsequent zu fordern, dass der Strompreis sinken muss. Mitunter helfen hier die kommenden Ausschreibungsmodelle für erneuerbare Energien, die die Technologien allmählich konkurrenzfähig und damit refinanzierbar machen sollen.

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